Ukrainer*innen lernen von Ukrainer*innen
Bei unseren re-use-Aktionswochen bieten wir Seminare in Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete an. So können wir neu in Berlin angekommene Menschen für das Thema Ressourcenschonung sensibilisieren und sie gleichzeitig bei der Orientierung in der neuen Heimat unterstützen: Wie funktioniert Mülltrennung in Deutschland? Wo kann ich gebrauchte Dinge kaufen? Welche Organisationen bieten Reparaturcafés, Foodsharing, Nähwerkstätten, usw. an?
Jeder Tag der Aktionswoche ist einem anderen Thema gewidmet: von nachhaltiger Ernährung und Mülltrennung über Upcycling von Kleidung bis hin zu Reparatur. Alles unter dem Motto: Abfallvermeidung und zirkuläres Wirtschaften. Bei kleinen Exkursionen haben die Teilnehmer*innen außerdem die Möglichkeit, Berliner Organisationen kennenzulernen, die sich in diesem Bereich engagieren.
Die Seminarleiter*innen sind ebenfalls ukrainische Geflüchtete, die 2024 selbst an einer re-use-Fortbildung bei compango teilgenommen haben und nun ihr Wissen weitergeben wollen. So werden sie zu Multiplikator*innen für Nachhaltigkeit, die das Thema in ihre Sprachcommunity bringen. Das Projekt vermittelt nicht nur Informationen, sondern soll auch die Selbstwirksamkeit der Ukrainer*innen in ihrer neuen Heimat fördern. Wer sich in Deutschland zivilgesellschaftlich engagiert und Verantwortung übernimmt und sich einbringt, wächst daran – und wird Teil dieser Gesellschaft.
Seminarleiter Mykhailo erinnert sich noch gut daran, wie er in Deutschland ankam und sich zunächst orientieren musste. „Deshalb ist es mir wichtig, Menschen zu begleiten, die diesen Weg gerade gehen. Wir können auf Augenhöhe mit ihnen kommunizieren, Erfahrungen teilen und sie dazu anregen, sich mit neuen Themen zu beschäftigen.“ Er selbst interessiert sich sehr für den nachhaltigen Umgang mit Abfall und hat bei der Aktionswoche das Thema Mülltrennung behandelt. „Es ist nicht immer leicht, Leute für dieses Thema zu begeistern“, sagt er. „Aber ich denke, wir können bei allen Teilnehmer*innen einen kleinen Samen säen.“
Auch Seminarleiterin Nadiia möchte gerne andere Ukrainer*innen inspirieren, sich mehr mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu beschäftigen. Ihre Liebe zur Natur gibt sie mit Enthusiasmus an andere weiter und sieht eine große Chance darin, Umweltbildung mit Integration zu verbinden: „Bei compango haben Leute die Möglichkeit, eigene Projekte aufzubauen. Viele Ukrainer*innen fühlen sich am Anfang orientierungslos in ihrer neuen Realität und es ist total toll, dann diese Selbstwirksamkeit zu erleben.“
Auch Olha hat 2024 die re-use-Fortbildung bei compango gemacht. „Aber ich hätte mir damals nicht vorstellen können, einmal selbst eine solche Fortbildung zu geben”, sagt sie. Trotzdem leitet sie nun bei den Aktionswochen den Seminarteil zum Thema nachhaltige Ernährung. „Ich musste erst aus meiner “Komfortzone” heraus! Aber ich freue mich, anderen Ukrainer*innen zeigen zu können, was es hier Interessantes gibt. Dadurch bin ich noch mal ein Stück mehr in Berlin angekommen.”
Mykhailo und Nadiia sind neben drei weiteren ukrainischen Freiwilligen von compango auch Teil des Projekts Zero Waste Voices. In einem neunmonatigen Kursprogramm erhalten sie dort fundiertes Wissen zu Abfall, Recycling und Umweltschutz, das sie danach in eigenen Seminaren weitergeben können.
Unsere erste Aktionswoche fand in der Gemeinschaftsunterkunft in der Landsberger Allee statt. Vom 8. bis 11. Juni waren wir in der Gemeinschaftsunterkunft in der Köthener Straße und vom 22. bis 25. Juni führen wir die letzte Aktionswoche dieses Fortbildungszykluses in der Storkower Straße durch.
Die Beschäftigung mit dem Thema trägt auch bereits Früchte über die Aktionswoche hinaus: Am 8. Juli findet ein Sommerfest vor der Geflüchtetenunterkunft in der Landsberger Allee statt, bei dem wir einen Stand unter Mitwirkung der Teilnehmer*innen der Aktionswoche planen. Hier wollen wir noch mehr Bewohner*innen für das Thema Umweltschutz begeistern und anregen, eine Mülltrennung in der Gemeinschaftsunterkunft einzuführen, was wir mit der Heimleitung bereits anvisiert haben. Bisher landen dort alle Abfälle im Restmüll. Die knapp 1.200 Bewohner*innen mit dem System der Mülltrennung in Deutschland bekanntzumachen und dafür zu sorgen, dass ihr Abfall recycelt werden kann, wäre ein großer Erfolg.
Aber es gibt auch einige Herausforderungen: Es hat sich gezeigt, dass bei der Arbeit in den Unterkünften für Geflüchtete erst viel Zeit in den Aufbau von Beziehungen investiert werden muss, bevor man in die inhaltliche Arbeit gehen kann. Viele der Geflüchteten haben dringende persönliche Probleme und wenig Interesse am Thema Ökologie. Auch die Strukturen in den Unterkünften sind oft nicht so einfach zu durchblicken. So mussten wir zunächst Kontakt zu Bewohner*innen der Wohnheime aufbauen, die uns dabei helfen konnten, andere Bewohner*innen zur Teilnahme an unserer Aktionswoche zu motivieren. Wir werden unsere Erfahrungen nach der dritten Aktionswoche auswerten und wollen das Ergebnis und unsere Materialien danach gerne anderen zur Verfügung stellen.
Die re-use-Aktionswochen werden von der Stiftung Naturschutz aus Mitteln der Trenntstadt gefördert. Die Stiftung legt großen Wert auf mehrsprachige Multiplikator*innen, die ökologische Impulse in verschiedene Sprachcommunities tragen können und so mehr Bewusstsein für Klima- und Ressourcenschutz in Berlin schaffen.




